Lesepredigt statt Gottesdienst

JUBILATE

Wir werden nicht müde; sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird der innere doch von Tag zu Tag erneuert. Denn unsre Trübsal, die zeitlich und leicht ist, schafft eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, uns, die wir nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare. denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig.

(2. Korinther 4, 16-18)

Die Müdigkeit hat ja viele Gesichter, und gute Gründe für eine gehörige Portion von Restmüdigkeit lassen sich für einen Sonntagmorgen eh leicht aufführen. Die einen haben eine anstrengende Arbeitswoche hinter sich, andere sind erst spät ins Bett gekommen, weil sie den freien Samstagabend genossen haben, andere haben gestern aufgearbeitet, was die Woche über liegen geblieben ist, damit es heute wirklich Sonntag sein kann. Manche mögen eine schlaflose Nacht hinter sich haben. Die Müdigkeit hat viele Gesichter.

Ein müder Mensch blickt uns aus den Worten des Predigttextes entgegen. Der Apostel und Briefseelsorger Paulus schreibt wieder einmal an seine Gemeinde in Korinth. Er hat dort im Augenblick einen schweren Stand. Er muss mit persönlichen Beleidigungen fertig werden und mit offener Kritik an seiner Person und an seinen Methoden. Da gibt es in Korinth nämlich andere, mit einer flotteren Botschaft, denen alles viel leichter von der Hand geht. Die feiern ihre Erfolge mit einem weich gespülten und leicht bekömmlichen Evangelium. Er, Paulus, muss sich immer anstrengen. Er muss immer kämpfen. Er muss immer 120% Einsatz bringen für 75% Erfolg. Was hilft gegen solche Müdigkeit, die sich da ganz von allein einstellt?

Paulus greift zu einem starken Aufputschmittel, wenn Sie so wollen. Gegen die Trübsal, die ihn gefangen hält führt er die Herrlichkeit ins Feld, die einmal kommen wird. Gegenüber dieser künftigen Herrlichkeit wird alles nichtig und klein, was jetzt noch so groß und wichtig erscheint. Ganz leicht fühlt sich die Trübsal jetzt an, denn über den Wolken ist die Freiheit grenzenlos. Das strahlende jenseits blendet die schwarze Wirklichkeit aus. Wenn das, was uns sichtbar umgibt verzweifeln lässt, dann schau auf das Unsichtbare, das noch aussteht, aber mit Sicherheit kommen wird. „Herrlichkeit“ nennt Paulus die noch verborgene Zeit vor uns.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich – Sie sicher auch noch – als lebendiges Abbild dieses Hoffens an die letzten Tage von Johannes Paul II. Müde und gebeugt verfiel der äußere Mensch Karel Woytila vor den Augen der ganzen Welt. Doch durch die Hinfälligkeit hindurch ist etwas sichtbar geworden von der Hoffnung, die doch zu den unsichtbaren Dingen zählt. Genau das gleiche mit Dietrich Bonhoeffer. Den Galgen vor Augen, aber mit der gelassenen Haltung innerer Freiheit, so erinnern sich seine Mithäftlinge. Aber bleiben wir auf dem Boden, lassen wir die Kirche im Dorf. Wir kennen alle Menschen, die im hohen Alter eine Kraft ausstrahlen, als könnten sie im Zerfall ihres Lebens schon einen Blick in jene Herrlichkeit tun, von der Paulus sagt. Von der er übrigens an anderer Stelle sagt, dass „dieser Welt Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll“ (Römer 8,18)

Dieser freie Blick auf die Ewigkeit ist ein Geschenk. Kein Mensch hat das in der Hand. Weder im Leben noch im Sterben. Kein Mensch hat das in der Hand, dass ihn die Müdigkeit nicht doch einmal überwältigt. Was dann hilft? Was immer hilft: beten. „Wachet und betet“ bittet Jesus seine Jünger, bittet Jesus also uns. Und denken Sie daran, dass sich die Länge einer Predigt heutzutage und bei mir sowieso anders darstellt als noch bei Paulus. Ich zitiere wörtlich aus der Apostelgeschichte: „Es war ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete; um vom Schlaf überwältigt fiel er hinunter vom dritten Stock.“ (2o, 9) Ich will Sie aber nicht erschrecken, das ging gut aus, damals.

Denn Gott hat ein Herz für die Müden. Elia ist so ein Beispiel, ausgebrannt wie er war. Da lässt Gott ihm neue Kraft zuwachsen. Jesus ist so ein Beispiel im Garten Gethsemane. Vom „Lass den Kelch an mir vorübergehen“ bis hin zum „Dein Wille geschehe“ liegt genau jene Trennlinie zwischen Tod und Leben, zwischen Trübsal und Herrlichkeit, zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, auf der auch Paulus balanciert ist. Und um jedes Missverständnis auszuschließen: das Jenseits ist keine Droge in ausweglosen Situationen. „Männer werden müde und Jünglinge fallen, aber die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden“ (Jesaja 4o, 29-31) Mit allen meinen Beispielen sage ich: hier und jetzt wurde dem Elia, dem Jesus, dem Paulus zuteil, was sie geraucht haben. Hier und jetzt bekam Israel von Gott, was es zum Überleben gebraucht hat. Denn das Hier und Jetzt war die Babylonische Gefangenschaft. Ohne Gott hätte Israel sie nicht überstanden. Wie so mancher Soldat vor einem halben Jahrhundert nicht die seine. Gottes Heilmittel wirken in Ewigkeit und Zeit. Von wegen „Vertröstung auf das Jenseits“! Wenn der äußere Mensch erneuert wird, dann wächst der innere gleich ein Stück mit. Das wird im Abendmahlsgebet mit diesen Worten gesagt: „Sende herab auf uns den Heiligen Geist, heilige und erneuere an Leib und Seele.“

„Jubilate“ heißt der 3. Sonntag nach Ostern. Jubel allenthalben, weil sich die Schöpfung auch außen erneuert. Natürlich ist der Jubel des Ostermorgens noch nicht verklungen, drei Sonntage danach. Da hat Gott ja ein Erwachen geschaffen, das alle Müdigkeit für immer in den Schatten stellt. Nicht nur die Müdigkeit, sondern den ewigen Schlaf hat er an diesem Morgen besiegt. Und weil Paulus glaubt, dass er teilhat an dieser Kraft, die aus der Auferstehung kommt hat er auch Teil an dieser Kraft, die aus der Auferstehung kommt. Unserem Glauben hat schon immer eine auch heilende Kraft innegewohnt. Immer wieder hat Jesus nach einer Heilung zum Geheilten gesagt: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Und so auch wir. Wer zurzeit auch aussieht wie das Leiden Christi und wem es auch so geht. Wer mit seinen Erfahrungen dieses kleine Sterben mit sich herumschleppt, in dem wird mit Sicherheit auch jene Kraft zum Zug kommen, die Christus von den Toten auferweckt hat. Auferstehungsenergie wird ihm zuwachsen und es wird von Ostern her etwas auf ihn überspringen und ihn mitreißen und ihn erneuern an Leib und Seele. Dass das ein Wunder ist, ist klar! Also: nicht müde werden, sondern dem Wunder leise wie einem Vogel die Hand hinhalten.

Amen

Von Pfarrer Wilhelm Imrich

Bleiben Sie behütet und gesund!