Lesepredigt statt Gottesdienst

Von Pfarrer Wilhelm Imrich

Ostern 2020 Matthäus 28, 1-10

Männer wollen alles sehen und er-greifen. Sonst be-greifen sie es nicht. Darum sehen sie das Unsichtbare nicht. Man sieht wirklich nur mit dem Herzen gut. Frauen haben ein Gespür für Geburt und Sterben. Sie harren am Kreuz aus, während die Männer fliehen. Es sind dann auch die Frauen, die zu den Zeugen für die Neugeburt werden, für das neue Leben, das aus dem Grab aufsteht.

Als der Sabbath vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Wie so viele Angehörige draußen vor der Tür tagtäglich nach dem Grab ihrer Lieben sehen, so wollen auch die beiden Marias nicht mehr als das: mit dem Herzen die Nähe dessen suchen, der ihr Herz berührt hat. Wache halten am Grab, ein Gebet sprechen, nachdenken, sich erinnern. Sie mussten in die Nacht hinausgehen, um den Aufgang der Sonne am Grab zu erleben. Was sie dann wirklich erlebt haben war der Anbruch einer neuen Zeit. Frauen haben weniger Angst, Sterbende zu besuchen, und bis heute begegne ich vorwiegend Frauen auf unseren Friedhöfen. Für sie gehört das Sterben genauso zum Leben wie die Geburt. Mit der sie sich auskennen. Männer haben Angst davor. Sie tun sich schwer, Trauernden beizustehen. Es gibt einige Männer im Besuchsdienst unseres Nördlinger Krankenhauses. Im 1. und 2. und 3. Stock. Aber oben im 4. Stock, auf der Palliativstation, sind Frauen. Männer wissen nämlich nicht, was sie Sterbenden sagen sollen. So können sie auch die Verwandlung des Todes nicht erleben. Frauen trauen dem Leben auch über den Tod hinaus. So gehen sie tapfer auf den Auferstandenen zu, als er ihnen auf dem Weg zurück in die Stadt begegnet. Da umfassen sie seine Füße und fallen vor ihm nieder. Sie beugen sich vor dem Geheimnis des Lebens, das stärker ist als der Tod. Ist das Leben nicht zum Niederknien schön? Sie umfassen seine Füße. Weil sie ohne Angst sind, mit dem Grab in Berührung zu kommen, können sie auch den Auferstandenen anrühren und an ihm das Leben ertasten, das den Tod besiegt hat. Ihr Mut umfasst ja auch den Leichnam Jesu. Sie kamen ja eigentlich, um am toten Leib mit Öl und wohlriechenden Salben den letzten Liebesdienst zu erweisen. Ihre Liebe geht dann doch nicht ins Leere, ins leere Grab, sondern auf den zu, der für immer lebt und liebt. Achten wir also die Frauen, die Frauen in unserer Familie, die Frauen neben uns im Beruf mehr noch als bisher. Die leisen Impulse des Lebens, die inneren Ahnungen des Herzens vernehmen sie, und nicht wir. So spüren sie die vielen Auferstehungen, die mitten unter uns Wirklichkeit werden und uns Männern verborgen bleiben. Viele Missverständnisse rühren daher.

So bemerken sie den Engel. Wo Auferstehung geschieht, ist auch ein Engel dabei. Das ist ebenfalls bis heute so geblieben. Er deutet die überraschenden, die unverständlichen Geschehnisse und Wendungen unseres Lebens als Geheimnis der Auferstehung. Wenn ein Engel in unser Leben tritt, dann geschieht für uns Auferstehung, dann wird unser Grab geöffnet und der Stein weggewälzt, der uns blockiert. Im Engel wirkt Gott hinein in unsere konkrete Welt. Bis hin zum Engel, der mit Ihnen in den eigenen vier Wänden leben mag. Eine Lichterfahrung mitten in unserer Dunkelheit. Plötzlich wird dir alles klar. An mir selber alles lauter und rein. So wie das Gewand des Engels weiß ist wie Schnee. Da strahlt uns etwas entgegen, das uns erhellt und einmal im Leben sogar erleuchtet. Ein Licht, das uns mit dem Licht in unserer eigenen Seele in Berührung bringt. Auferstehung geschieht, wo ich in den Augen eines Menschen ein Leuchten sehe. Das kann auch an seinem Sterbebett sein. Denn leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Man erschrickt vor der Wucht dieser Wahrheit. Im Engel tritt nämlich eine andere Wirklichkeit in unser Leben, die Wirklichkeit Gottes. Und diese ist nicht nur faszinierend, sie ist immer auch erschreckend. Sie kann in die Knochen fahren. Engel sind weder harmlos noch niedlich. Die Auferstehung ist ja auch ein mächtiges Geschehen, mächtiger als alles davor und danach. Wer vor dem Engel des Herrn erschrickt, der springt auf, der bleibt nicht wie er war, wo er war. Er ist in seinem Herzen getroffen, muss aufstehen, muss sich auf den Weg machen, muss sich seiner neuen Wirklichkeit stellen. Und heute noch und immer wieder: wenn das Wort eines Menschen mich trifft, tritt das Geheimnis der Auferstehung in mein Leben. Musik, die mich zu Tränen rührt. Oder etwas anderes. Was war damals Ihr „anderes?“ Was ist jetzt Ihr „anderes?“ Ihr Engel! Der Engel der Auferstehung redet im Wort Gottes zu uns. Wenn das Wort der Bibel auf mich trifft, wenn es in mein Herz fällt, dann stehe ich auf aus meiner Erstarrung und erlebe Auferstehung an mir selbst.

Ist es ein Wunder, dass die Auferstehung Christi von einem gewaltigen Erdbeben begleitet wird? Weil etwas in Bewegung kam, eine Kraft, die Himmel und Erde gemacht hat. Eine Macht, welche die Grundfesten unseres Lebens durcheinander schüttelt. Es geschah noch oft und geschieht und wird immer so sein. Da werden die Apostel ganz innen und ganz unten eingekerkert im Gefängnis und in einen Block geschmiedet. Was taten die Apostel: sie beten und singen. Mitten in der Nacht. Loblieder singen sie, keine Klagelieder. Sie wollen nichts von Gott. Nur dessen Lob. Ein Erdbeben wird sie befreien. Alle Türen springen auf. Alle Fesseln fallen ab. (Apg. 16) Auch so geschieht Auferstehung mitten im Leben. Mitten im Gefühl, wie im Gefängnis zu sitzen. Im Gefängnis meiner Einsamkeit. Meiner Depression. Meiner Migräne. Die innere Gefangenschaft kann mich an das Muster meiner Lebensgeschichte ketten: gefangen im Zwang zur Perfektion. Im Zwang, jegliche Schuld bei mir zu suchen. Im Zwang meiner Eitelkeit, im krankhaften Kreisen um ein gutes Image nach außen. Wenn wir mitten aus unserem Gefängnis heraus Gott loben, im Vertrauen, dass wir mit all unseren Fesseln in Gottes guter Hand sind, dann kann es gut sein, dass auch in uns die Erde zu beben beginnt. Mauern wanken, die uns vom Leben trennen. Türen tun sich auf hinaus in Freie. Und wir kommen wieder in Berührung mit uns selbst. Leben nicht außerhalb von uns, erhalten Zutritt zu unseren Herzen. Es öffnen sich dann aber auch die Türen zu den Herzen anderer Menschen. Sie können bei uns eintreten und wir haben Zugang zu ihnen. Begegnungen werden möglich. Fesseln fallen ab und Hemmungen und Lähmungen. Den Mustern unseres Lebens können wir aus dem Glauben an Jesus Christus heraus begegnen. Abschütteln können wir sie nicht. Wir können die Erfahrungen unserer Lebensgeschichte nicht einfach vergessen. Aber so mit ihnen leben, dass sie uns nicht mehr am Leben hindern. Uns also mit ihnen aussöhnen. Dann freilich heilen Wunden. Die Lebensgeschichte wird vom Gefängniswärter zum getauften Bruder. Ehrgeiz verwandelt sich jetzt in eine Lebensquelle, Perfektion dient jetzt dem achtsamen Umgang mit Dingen und Menschen. Ich sehe die Schönheit im Gesicht des Nächsten. Was mich deprimiert, also niederdrückt verliert an Gewicht. Ich stehe auf, sehe auf und gehe aus und suche Freud. Paul Gerhard hat das Sommerlied seiner Frau gewidmet, die nach einer Fehlgeburt auch in die Depression gefallen war. Singen und Beten sind Wege aus dem inneren Gefängnis heraus. Das Lob Gottes mitten in unserer Nacht. Nichts wollen von Gott, nur loben. Loben und danken, für die Auferstehung aus meinen Zwängen, für das Vertauen in meinen Ängsten. Amen.

Bleiben Sie behütet und gesund!

Und natürlich: Frohe Ostern!